21.12.2022 - Neben Knie und Hüfte gibt es kein Gelenk, das so vielen Menschen Probleme bereitet wie die Schulter. Durch Verletzungen, aber auch durch Entzündungen und Verschleiß. Unser Schulterspezialist Prof. Ben Ockert benennt im Interview mit Münchner Merkur und tz die häufigsten Gründe und was Betroffenen schnell hilft. 

Ein Verschleiß an der Schulter kann sich schleichend bemerkbar machen – das bedeutet: Die Betroffenen haben immer öfter Schmerzen, die sich mit der Zeit verstärken. Deshalb vermeiden sie bestimmte Bewegungen. In anderen Fällen setzen die Beschwerden schlagartig ein, plötzlich wachen die Betroffenen morgens damit auf, oder es erwischt sie im Alltag wie aus heiterem Himmel. Die Schulter wird zur Schmerzfalle. „Solche Symptome können verschiedene Ursachen haben, deshalb ist eine gründliche Diagnostik wichtig“, sagt der Münchner Schulterspezialist Professor Ben Ockert. „Allerdings zeigen sich bei vielen Patienten typische Beschwerdemuster.“ In unserer Zeitung erklärt Ockert die häufigsten Gründe für Schulterschmerzen, wie man sie selbst lindern kann, vorbeugen kann und wann man besser zum Arzt geht. Wichtig: Die Infos sind eine Orientierungshilfe und können eine professionelle ärztliche Untersuchung nicht ersetzen.

Schulterschmerzen vorne

Schmerzen stammen häufig von einer Entzündung der langen Bizepssehne. „Die Sehne kann sich bei Überbelastung oder Verkürzung in ihrem Sehnenkanal entzünden“, erklärt Ockert. Der Auslöser ist oftmals eine Fehlhaltung: nach vorne gebeugt, die Schultern nach innen gedreht. Um das zu ändern, sollte man im Alltag darauf achten, die Schultern wieder nach hinten zu bringen und zu öffnen. Richten Sie Ihren Arbeitsplatz mit Stuhl und Bildschirm so ein, dass Sie aufrecht sitzen können. Machen Sie regelmäßig Dehnübungen, um einer Entzündung der langen Bizepssehne vorzubeugen. Entzündungshemmende Medikamente wie Voltaren oder Ibuprofen können kurzfristig dazu beitragen, die Schmerzen zu lindern. „Wenn die Beschwerden allerdings nach etwa ein, zwei Wochen nicht deutlich nachlassen, sollte man zum Arzt gehen“, rät Ockert. Bei längerfristigen Beschwerden ist eine Magnetresonanztomografie sinnvoll, um einen Schaden an der langen Bizepssehne zu erkennen, der die Entzündung verursacht. Dazu zählen Einrisse am Sehnenursprung oder an der Sehnenschlinge, Ärzte sprechen von einer SLAP-Läsion bzw. Pulley-Läsion. Dann steht eine Operation in Schlüssellochtechnik an – mit kleinsten Schnitten und filigranen Instrumenten. Sie dauert etwa eine halbe Stunde. Dabei löst der Operateur die Bizepssehne an ihrer Verankerung, entfernt den verletzten Sehnenanteil und näht die gesunde Sehne unterhalb der Schulterkugel wieder an. „Der Sehnenursprung wird praktisch versetzt, diese Technik nennt man Tenodese“, erläutert der Spezialist. Nach der Operation trägt der Patient für drei Wochen eine Armschlinge, sechs Wochen lang darf er maximal das Gewicht einer Wasserflasche heben.

Schulterschmerzen außen/seitlich

Sie werden oft von einem sogenannten Impingement hervorgerufen. Dabei wird die Supraspinatussehne dem darüberliegenden Schleimbeutel unter dem Schulterdach eingeengt. Die Sehne ist Teil der Rotatorenmanschette, einem Bündel aus vier Sehnen, die den Oberarmkopf flächig umgreifen. Durch das Engpass-Syndrom kann sich der Schleimbeutel entzünden. Mit Dehnungsübungen, Physiotherapie oder zum Beispiel Pilates lassen sich die Beschwerden in vielen Fällen reduzieren. „Wenn diese Behandlungsmaßnahmen nicht ausreichen, kann eine Spritze mit Kortison helfen“, sagt Ockert. „Allerdings sollte man das Medikament sorgsam einsetzen, denn es greift nicht nur die Entzündung am Schleimbeutel an, sondern auch die Kollagenfasern der Sehne.“ Unbehandelt kann ein Impingement-Syndrom über Jahre schleichend die Rotatorenmanschette schädigen. Ihr Supraspinatus-Anteil wird dann immer dünner. „Häufig reißt die Sehne nicht komplett ab. Symptomatische Teilrisse sollte man bei jüngeren und aktiven Patienten reparieren. Sonst besteht die Gefahr, dass sich der Riss mit dem darüberliegenden Schleimbeutel unter dem Schulterdach eingeengt. „Es ist wie bei einem Loch im Socken. Wenn man damit weiter herumläuft, wird das Loch über die Zeit immer größer.“ Die große Gefahr bei Verschleißerkrankungen der Rotatorenmanschette: „Wird der Schaden zu groß, sinkt die Chance der erfolgreichen Reparatur, da die Sehne nicht mehr am Knochen festheilt. Dann hilft in vielen Fällen nur noch eine inverse Schulterprothese“, berichtet Ockert. Die Operation an der Rotatorenmanschette erfolgt arthroskopisch und dauert etwa eine Stunde. Hinterher muss der Patient seinen Arm fünf Wochen lang in einem speziellen Schulterkissen tragen und in der Regel eine Reha absolvieren. Insgesamt dauert die Heilung etwa ein halbes Jahr. Wenn die Sehne gestresst ist, kann sich darin auch Kalk einlagern – am ehesten infolge einer gestörten Sehnen-Durchblutung. „Kalk kann ein mechanisches Hindernis darstellen und die Sehne unter Druck setzen“, erklärt Ockert. Um Kalk an der Schulter loszuwerden, ist die Stoßwellentherapie ein probates Mittel. „Eine OP ist nur bei etwa jedem vierten Kalkschulter-Patienten notwendig – beispielsweise, weil das Kalkdepot sehr groß ist, starke Schmerzen verursacht oder eine chronische Entzündung des Schleimbeutels hervorruft“, sagt Ockert. Bei dem etwa 20-minütigen Eingriff wird der Kalk entfernt, damit die Schmerzen abklingen können. Allerdings muss der Operateur sehr vorsichtig vorgehen, um den Schaden an der Sehne und damit das Risiko eines späteren Sehnenrisses gering zu halten.

Schmerzen im Inneren der Schulter mit eingeschränkter Beweglichkeit

Der Patient spürt meist einen diffusen Schmerz, den er nicht genau verorten kann. Bei gleichzeitiger Bewegungseinschränkung spricht das für eine Schultersteife, die als „Frozen Shoulder“ (eingefrorene Schulter) bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um eine Erkrankung der Gelenkkapsel. Diese zieht sich zusammen und wird starr. „Typisch sind heftige Schmerzen bei Drehbewegungen mit dem Arm, die auch unter Schmerzmitteleinnahme wenig Linderung zeigen. Die Heilung ist zäh und die Behandlungsmöglichkeit limitiert. Der Arzt kann Kortison spritzen oder in Tablettenform verabreichen, allerdings können gerade die Tabletten erhebliche Nebenwirkungen verursachen. „In der Akutphase einer Frozen Shoulder bringt Physiotherapie wenig, meist werden die Beschwerden dadurch nur noch schlimmer. Auch von einer Operation rate ich ab“, betont Ockert. Stattdessen braucht der Patient sehr viel Geduld und Zuversicht, diese Erkrankung heilt letztlich von selbst ab. Unbehandelt kann es schon mal zwei Jahre dauern, bis sich der Arm wieder normal bewegen lässt.

Schulterschmerzen innen im Gelenk, anfangs ohne starke Einschränkung der Bewegung

In solchen Fällen kann eine Arthrose vorliegen. Leider ist diese Volkskrankheit, die Gelenke am Knorpel und Knochen angreift, nicht heilbar. Der Verschleißprozess lässt sich etwas verlangsamen. „Deshalb sollten Arthrosepatienten in Bewegung bleiben, regelmäßig Übungen machen oder zur Physiotherapie gehen“, empfiehlt Ockert. „Sonst besteht die Gefahr, dass sich auch die Kapsel und die Muskeln an eine Schonhaltung gewöhnen. Das reduziert die Lebensqualität und verschlechtert die Voraussetzungen für eine spätere Gelenkersatz-Operation. Wer diese hinauszögern will, sollte aktiv etwas dafür tun.“ Der Arzt kann diese Bemühungen durch Spritzen, etwa mit Hyaluronsäure, unterstützen, die wie eine Art Schmiermittel für das Gelenk wirkt. Auch Eigenblutbehandlungen sind eine Option. Dabei wird dem Patienten Blut abgenommen und dieses in einer Spezialzentrifuge aufbereitet. Die Zentrifuge filtert heilungsfördernde Bestandteile wie Wachstumsfaktoren heraus. Diese werden in konzentrierter Form ins Schultergelenk gespritzt. „Allerdings können weder Eigenblutbehandlungen noch Injektionen mit Hyaluronsäure die Arthrose zurückdrängen. Sie können aber dabei helfen die Beschwerden zu lindern und Zeit zu gewinnen“, betont Ockert. „Wann der richtige Zeitpunkt für ein künstliches Schultergelenk ist, entscheidet der Patient.“

Zeitungsseiten als PDF: 

Prof._Ockert_Schulter-Report_Merkur_28.11.2022.pdf
Prof._Ockert_Schulter-Report_tz_28.11.2022.pdf

Kontakt:

Prof. Dr. med. Ben Ockert
Schulter Ockert
Sport- und Gelenkchirurgie München
Theatinerstr. 45
80333 München

Telefon: 089/220 222
www.schulter-ockert.de

 

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